JOHANN PACHELBEL – HEXACHORDUM APOLLINIS – Tomas Dratva
Tomas Dratva – Klavier
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Digitales Booklet Pachelbel PV117
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Pachelbels Hexachordum Apollinis (1699) umfasst sechs Arien mit Variationen zu Originalthemen. Es gilt allgemein als einer der Höhepunkte von Pachelbels Œuvre und zeigt Pachelbels Meisterschaft in der Variationstechnik. Das Werk ist explizit für unterschiedliche Tasteninstrumente konzipiert, für die Orgel und das Cembalo («Organo pneumatico, vel clavato cymbalo modulandas»), und demonstriert die klanglichen Möglichkeiten beider Instrumente.
Pachelbels Offenheit gegenüber Instrument und Klangfarbe setzt Tomas Dratva konsequent fort, indem er das Werk auf dem modernen Konzertflügel eingespielt hat.
Hexachordum Apollinis
Für Johann Pachelbel ist die Musik «die rechte Krone und der herzlichste Thron» aller Künste. Sie vermag es, die «Herzen und Gemüther» der Hörenden zu rühren, wird von Engeln gesungen und liegt laut Berechnungen altgriechischer Philosophen dem Zusammenspiel der Planeten und der gesamten Welt zugrunde. In der Vorrede zu seinem Zyklus Hexachordum Apollinis erklärt Pachelbel die hohe Stellung der Musik und beschreibt sie als «gottmässig», «wundersam» und «angenehmste Bezauberung», die dem «Fürst Apollo» zugeordnet wird.
Diese ästhetische Überzeugung bildet die Grundlage der sechs Arien und Variationen, die Johann Pachelbel im Jahr 1699 komponiert. Bereits der zarte und besinnungsvolle Beginn der ersten Arie rührt direkt die Herzen – auch die anfängliche Entschlossenheit der «Aria Secunda» wendet sich nach wenigen Sekunden zur herzlichen Versöhnung. Die dritte Arie – die erste und einzige des Zyklus in einer Dur-Tonart – weckt mit leichtem, spielerischen Charakter die «Gemüther», während die Vierte durch den Einsatz von Chromatik zunächst dramatisch wirkt. Bald schon verwandelt sie sich jedoch zu einem kantablen zweiten Teil, den der Interpret Tomas Dratva als «angélique» beschreibt. Engelhaft und «wundersam» ist auch die «Aria Quinta» mit ihrer wohlkalkulierten, schrittweisen Melodik. Die letzte Aria beschliesst den Zyklus in beschaulicher, respektvoller Andacht.
Mit dem Titel des Arienzyklus stellt Pachelbel einen doppelten Bezug zur Antike her: Die Nennung Apollos erinnert an den griechischen Gott der Musik, wogegen der Begriff Hexachordum im frühen Mittelalter als Bezeichnung einer sechsstufigen Tonleiter diente. Eine solche sechstönige Skala wird bei Pachelbel zum Bindeglied zwischen den ersten fünf Arien in d-Moll, e-Moll, F-Dur, g-Moll und a-Moll – nur die letzte Arie bricht mit diesem Muster und steht in f-Moll anstatt des erwarteten B-Durs. Pachelbel hebt die sechste Arie zudem durch eine grössere Anzahl an Variationen und den Zusatztitel «Aria Sebaldina» hervor. Dieser Titel gibt einen Hinweis auf den Grund für die Abweichungen: Zur Zeit der Komposition ist Pachelbel Organist an der Nürnberger Sebalduskirche und so lässt sich vermuten, dass er diese sechste Arie zu ihren Ehren gestaltet.
Nürnberg ist die Heimatstadt Pachelbels, in der er auch seine erste grundlegende musikalische Ausbildung erhält. Nach dem Studium in Regensburg und mehrjährigen Aufenthalten in Wien und Eisenach lernt er in Erfurt die Bach-Familie kennen, der er eng verbunden bleibt. 1695 kehrt er – nach weiteren Stationen in Stuttgart und Gotha – nach Nürnberg zurück und tritt seine Anstellung an der Sebalduskirche an. Johann Pachelbel hatte als weithin geschätzter Organist schon oftmals ausgehend von Choralthemen Variationen improvisiert, doch im Hexachordum entwirft er eigene Themen. Er nimmt sich die Freiheit, dabei mit schnellen Affektwechseln, kantablen Melodien und Chromatik zu experimentieren. Die anschliessenden Variationen bezeugen seine kompositorische Kunstfähigkeit – hier verwandelt Pachelbel die Arien durch Ausschmückungen, Imitationen, Synkopen, Triller und neue Rhythmen in virtuose Meisterwerke. Den gesamten Zyklus widmet Pachelbel den Organisten Dieterich Buxtehude und Ferdinand Tobias Richter.
Die eigens entworfenen Arien und deren kunstvolle Variationen sowie die Konzeption dieser Stücke als Gesamtwerk machen Pachelbels Hexachordum Apollinis zu einem seiner bekanntesten Opera, schon während der Barockzeit. Darüber hinaus ist es eines von nur drei Werken des Komponisten, die zu seinen Lebzeiten gedruckt wurden. Im Hexachordum legt sich Pachelbel nicht auf ein bestimmtes Instrument fest, sondern überlässt den Musizierenden die Wahl zwischen «Organo pneumatico, vel clavato cymbalo» – der Orgel oder dem Cembalo. An diesen Gedanken der flexiblen Instrumentenwahl anknüpfend, wählt der Schweizer Pianist Tomas Dratva für die Einspielung des gesamten Zyklus erstmals den modernen Konzertflügel – und wendet sich damit bewusst gegen den Grundpfeiler der historischen Aufführungspraxis, dem Klangbild der Entstehungszeit möglichst nahe zu kommen. Doch zugleich erinnert Tomas Dratva an Pachelbels Offenheit gegenüber der Instrumentenwahl und stellt das heutige Verständnis von Barockmusik infrage: Wenn für Pachelbel Instrument und Klangfarbe flexibel waren, stehen stattdessen die Affekte, Verzierungen, Melodik und Harmonik im Vordergrund, die sich auf jedem Tasteninstrument ähnlich realisieren lassen. Genau diesen Aspekten schenkt Tomas Dratva in seiner Interpretation besondere Aufmerksamkeit. Über den heute vertrauten Klang des Flügels gelingt es ihm, durch wohldosierten Einsatz von Agogik, Artikulation und Dynamik Pachelbels musikalische Ideen zu würdigen. Tomas Dratvas Spiel lässt jede Einzelstimme klar hervortreten und dennoch zu einer Einheit verschmelzen, es verwandelt die Musik im Sekundenbruchteil vom rührend Besinnlichen zu spielerischer Leichtigkeit und hebt kompositorische Besonderheiten, wie die Chromatik der «Aria Quarta» hervor. So gelingt es Tomas Dratva in dieser Einspielung, Johann Pachelbels Meisterwerk am modernen Konzertflügel als kunstvolle, vielschichtige Komposition wahrnehmbar zu machen.
Anna Hausmann
Faksimile des Originaltitelblatts · Quelle: wikipedia.org
Aria Prima, Variatio 5 und 6 · Faksimile: wikipedia.org
Titelliste
Johann Pachelbel (1653–1706): Hexachordum Apollinis
Total 59:06
Aufnahme
15. Oktober 2024, Künstlerhaus Boswil, Alte Kirche, Schweiz
Aufnahme & Bearbeitung: mobilton.ch, Daniel Scheidegger
Klavier: Steinway D-274
Texte: Anna Hausmann, Musikwissenschaftlerin
Tomas Dratva bei den Aufnahmen im Künstlerhaus Boswil, Alte Kirche, 15.10.2024 · Foto: Daniel Scheidegger
Das Hexachordum Apollinis war Tomas Dratva eine Herzensangelegenheit, die er lange reifen liess, bevor er sie 2024 einspielte. Er verstarb überraschend im Oktober 2025. Tomas Dratva hinterlässt uns eine einzigartige und zeitlose Interpretation dieses Werkes.