JÁNOS TAMÁS – KLAVIERMUSIK – Magdaléna Bajuszová
Magdaléna Bajuszová – Klavier
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Digitales Booklet János Tamás PV116
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Der schweizerisch-ungarische Komponist János Tamás (1936–1995), in Budapest geboren, flüchtete im Zuge des Ungarn-Aufstandes 1956 in die Schweiz, wo er bis zu seinem Tod als Komponist, Dirigent, Musikpädagoge und Pianist tätig war. Nach einem ungarisch geprägten Frühwerk bildete Tamás eine individuelle Klangsprache aus, die zwischen Poesie und Dramatik pendelt. Das Klavier nimmt dabei als Solo- wie auch als Kammermusikinstrument einen zentralen Platz ein. Mit der vorliegenden Einspielung liegt erstmals ein umfassendes Porträt von János Tamás’ Klaviermusik vor: als Spiegelbild eines bedeutenden musikalischen Oeuvres, das es weitgehend erst noch zu entdecken gilt.
Klavierwerke von János Tamás (1936–1995)
Der ungarisch-schweizerische Komponist János Tamás blieb den grossen Musikzentren der Welt zeitlebens fern, in seiner Musik sprach er jedoch universelle Themen an und hinterliess ein reichhaltiges Oeuvre, das durch seine Mannigfaltigkeit und seinen besonderen Ausdrucksreichtum auffällt. In Budapest geboren, floh der Zwanzigjährige nach der gescheiterten ungarischen Revolution des Jahres 1956 in die Schweiz, wo er eine neue Heimat fand und eine rege künstlerische Tätigkeit als Komponist, Dirigent, Pianist und Pädagoge entfaltete. In seinem kompositorischen Nachlass, der etwa 125 Kompositionen umfasst, finden sich Hauptwerke wie das Oratorium Noahs Tochter (1986), das Streichsextett Wartender Frühling (1991, von Paul Sacher in Auftrag gegeben) und das Klavierkonzert (1965), das erst ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung durch Tomas Dratva und das kammerorchesterbasel unter der Leitung von Paul Goodwin uraufgeführt wurde.
Werke für Solo-Klavier nehmen im Schaffen des Komponisten einen besonders wichtigen Platz ein. Die Kompositionen, die auf dieser CD (zum Teil als Ersteinspielungen) zu hören sind, bezeugen mehr als dreissig Jahre künstlerischer Entwicklung, von der frühen Sonatine zur erschütternden Ballade, die zu Tamás’ letzter Schaffensperiode gehört.
Die Sonatine, aus dem schicksalsschweren Jahr 1956, ist trotz seiner Kürze keineswegs das leichte Stück, das der Titel verspricht; sie ist ziemlich anspruchsvoll, sowohl von der Faktur her als auch emotionell. Im ersten Satz des dreisätzigen Werkes hat der 20-jährige Komponist ein an sich einfaches Motiv auf ziemlich komplexe Art mit chromatischer Stimmführung, oft kontrapunktisch durchgeführt. Der Pastorale-Mittelsatz ist zart, gefühlsvoll und etwas mysteriös; das darauffolgende Finale, das mit seinem Anfang an die letzte Note der Pastorale anknüpft, ist ein wilder Tanz im asymmetrischen Takt 3+3+2/8. Hier sind die ungarischen Wurzeln des Komponisten noch ganz klar zu erkennen.
Das chronologisch nächste Stück, Lichtspiel, kommt aus einer ganz anderen Welt, was wörtlich zu verstehen ist. Im Jahr seiner Entstehung (1971) war Tamás bereits 35, Schweizer Bürger, vielbeschäftigter Dirigent und Vater eines Sohnes, und hatte sich einen unverwechselbaren persönlichen Stil erarbeitet. Im Beiheft zur CD der Ersteinspielung schrieb Tomas Dratva:
«Lichtspiel entstand während eines Ferien- und Kompositionsaufenthaltes im Berner Oberland. Das Werk ist inspiriert vom Lichtspiel in einer modernen Villa in Wengen, wo János Tamás dieses Stück komponierte. Tamás entwickelt in dieser Triller- und Tremoloklangstudie schlüssige eigene Notationstechniken. Das Stück bewegt sich mit Ausnahme der letzten beiden Töne im oberen Register der Klaviatur, eine sehr helle Grundfarbe prägt das klangliche Geschehen.»1
Zu den Eisblumen (1977), einer pädagogischen Sammlung, die zum Pflichtstück des Schweizerischen Jugendmusikwettbewerbs geworden ist, hat Tamás selber einen kurzen Kommentar verfasst:
«Die 14 Miniaturen für Klavier vermitteln aphoristische Stimmungstudien für die Anschlagskunst, deren pädagogische Zielsetzungen im freien Gestalten mit sehr sensiblem, sprechendem Ausdruck, im Klangsinn der Farbigkeit und dem Pedalgebrauch liegen.
Das Atmosphärische, Meditative, das Rubato-Spiel, Poesie und Klangzauber herrschen vor und sollen Fantasie und Intuition anregen. Spieler und Hörer mögen Freude an der leisen Melancholie, und dem Entdecken des Verschlüsselten, nur Angedeuteten haben.
‹Eisblumen›: bizarre, kristallene, hauchzarte Zeichnungen der Stille.»
Es ist bezeichnend, dass es Tamás bei diesen Stücken, die ja primär dem Unterricht dienen sollten, vor allem um die Gefühle und den schönen Klavierklang und nicht etwa an die Fingergeläufigkeit ging. Die «Eisblumen» im Titel deuten an jene zarten Eiskristalle hin, die sich einst im Winter (wohl bei mangelhafter Isolierung) an Fenstern bildeten. Für Tamás gehörte sicherlich eine gewisse Nostalgie zu diesem poetischen Bild, das die Schönheit der blumenähnlichen Gebilde mit der bitteren Kälte des Winters vereint. Die «Blumen am Fenster» werden ja auch in Schuberts Winterreise erwähnt («Frühlingstraum»). Vielleicht klingt da ausserdem noch eine Erinnerung an einen berühmten ungarischen Jugendroman von Ferenc Móra (1879 –1934) mit, den die Familie Tamás besonders hochschätzte (er wurde unter dem Titel Der Wundermantel ins Deutsche übersetzt). In einer wichtigen Szene dieses Romans kommen ebenfalls Eisblumen aus alter Zeit vor. In der Mehrzahl von Tamás’ Eisblumen ist der ungarische Einfluss weniger auffallend als im Jugendwerk, obwohl der achte Satz («Fortgang») nichts anderes ist als die Bearbeitung eines Volksliedes («Gehst du weg, mein Schatz? Ja, ich geh’»), das bereits in Béla Bartóks Sammlung Für Kinder erscheint (Heft II, Nr. 41), dort aber ganz anders behandelt wurde.
In den achtziger Jahren entstanden drei grosse Sonaten, in denen Tamás’ Tonsprache den höchsten Grad ihrer Komplexität erreichte. Die 1. Sonate (1981) ist dem Pianisten Jean- Jacques Dünki gewidmet, der das Werk uraufführte und auch im Studio einspielte. Dünki sagte dazu in einem Vortrag, den er zu Tamás’ 20. Todestag im Künstlerhaus Boswil hielt und der später auch im Kongressbericht veröffentlicht wurde: «Diese Partitur fordert das Gestische geradezu heraus und lädt den Interpreten ein, in ein Wechselbad der Gefühle zwischen schroff und zart, wild und gebändigt, zuspitzend und entspannend zu steigen.»2 Detaillierte Angaben in der Partitur deuten auf den emotionellen Gehalt des Werkes hin, und die musikalische Form wird gleichsam durch das obengenannte «Wechselbad» erzeugt. Das dreisätzige Werk folgt der traditionellen Struktur von schnell-langsam-schnell, und schreitet von einem kaleidoskopartigen Kopfsatz, in welchem sich viele verschiedene Charaktere vereinen, zu einem ruhigeren Mittelsatz voran, der aber seine eigene dramatische Entwicklung erfährt, um mit einem erstaunlichen Furioso-Finale zu enden. Letzteres wartet mit einer Faktur auf, in welcher die Akzente der rechten und linken Hand meistens nicht gleichzeitig eintreten. Die rechte Hand spielt Einheiten von fünf Sechzehntel gegen vier in der linken Hand; die Schreibweise ist durchaus chromatisch konzipiert. An einer gewissen Stelle schrieb Tamás in die Partitur: «es pfeift wie der Wind!...» In seiner Polymetrik erinnert der Satz schon fast an die (erst später entstandenen) Klavieretüden von Tamás’ ungarischem Zeitgenossen György Ligeti.
Die 2. Sonate (1984), der Pianistin Christine Sigg-Schlatter gewidmet, ist zweisätzig. Am Anfang und am Ende des ersten Satzes, «Improvvisando» überschrieben, löst sich Tamás von allen metrischen Strukturen los und verzichtet ganz auf Taktstriche. Zwischen diesen beiden freien Abschnitten schaltet er einen zwar ruhig beginnenden, dann aber immer dramatischer werdenden Mittelteil ein. Der hektisch-kantige zweite Satz stellt einem «perpetuum mobile»-artigen Hauptteil einen zweiten Abschnitt gegenüber, in dem ein einziges Motiv unentwegt wiederholt wird, von abrupten Pausen unterbrochen. Nach einer Reprise des Hauptteils erreicht die Sonate ihren überraschenden Schluss.
Die 3. Sonate (1989) war ein Auftragswerk der Jubiläums-Stiftung der Schweizerischen Bankgesellschaft. Ihr erster Satz stellt ein faszinierendes musikalisches Experiment dar, indem er mit dem Finale der 1. Sonate Note für Note identisch ist. (Tamás hat lediglich zwei einleitende Takte hinzugefügt.) Der frühere Endpunkt wird also hier zum Ausgangspunkt. Der Komponist musste sich die Frage gestellt haben: Kann man nach diesem atemberaubenden Energieausbruch überhaupt weitergehen? Ist er unbedingt das Ende, oder kann noch etwas darauffolgen? Und was darauffolgt, ist ein nicht weniger atemberaubendes Drama im zweiten Satz, ein Drama, das sich am besten mit den zahlreichen Anweisungen, die Tamás in die Partitur eingetragen hat, beschreiben lässt: schwebend, zauberisch, misterioso, visionär, erstickend, unnachgiebig, gequält, hingehaucht, und am Ende: «Irrlicht …» Den Abschluss bildet ein ziemlich komplexer dritter Satz, sozusagen ein neues «Wechselbad». Das Werk klingt mit einer extrem langsamen Musik aus, die mit den Worten «Tiefe Ruhe» beschrieben ist. Tamás hat diese Sonate mit dem programmatischen Titel Der Friede versehen; der erste Satz heisst darin «Der Tag», der zweite «Die Nacht», und der dritte eben «Der Friede». Der Friede, nach dem sich János Tamás, der als Kind Krieg und Verfolgung überlebt hatte, zeitlebens sehnte, und den wir heute wieder einmal so verzweifelt brauchen.
Neben den drei Sonaten entstanden in den Jahren von Tamás’ künstlerischer Reife noch zwei hochdramatische, bekenntnishafte Klavierwerke. Obwohl der Komponist die Namen zweier klassischer Instrumentalgattungen als Titel wählte, haben die Werke wenig mit den traditionellen Gattungscharakteren gemeinsam. Die Rhapsodie (1980), der Pianistin Lotte Gautschi gewidmet, enthält zwar, wie die gleichnamigen romantischen Stücke, einen langsamen und einen schnelleren Abschnitt, doch lässt sich die Dramaturgie nicht so einfach beschreiben. Im langsamen, anfangs friedlichen ersten Teil kommt es bald zu einem wilden Ausbruch der Emotionen. Kaum hat sich die Stimmung danach einigermassen wieder beruhigt, wird im neuen «Agitato»-Abschnitt ein wahrhaftiger Orkan entfesselt. Dann kehrt aber die «Calmo»-Musik wieder, was in Rhapsodien eigentlich ungewöhnlich ist. Eine Zeitlang scheinen die beiden Charaktere miteinander zu ringen; schliesslich muss aber die Ruhe – der Friede – das letzte Wort behalten.
Derselbe Gegensatz zwischen Ruhe und Spannung liegt auch Tamás’ letztem Klavierwerk, der Ballade (1990) zugrunde. Diesmal sind aber die Kraftverhältnisse anders. Man könnte fast von einer Umkehrung des früheren Werkes sprechen: der stürmische Charakter steht am Anfang und am Schluss, und die ruhige Episode bildet den Mittelteil. Damit wird uns der tröstliche Ausklang der Rhapsodie in diesem Fall versagt. Nachdem im «Tranquillo»-Abschnitt wieder einmal, wie schon in der 3. Sonate, «Irrlichter» heraufbeschworen werden (laut Tamás’ Hinweis in der Partitur), endet das Stück mit einem «unerbittlichen» Motiv, das nicht weniger als zwanzigmal in einem äusserst schockierenden Crescendo wiederholt wird, mit einem dreifachen Fortissimo am Schluss. Könnte diese wiederkehrende Idee des Irrlichts, wie auch schon jene der oben erwähnten Eisblumen, auf die Winterreise zurückgehen? Anders als in der 3. Sonate, wo das Irrlicht zum friedlichen Schlusssatz führte, scheint es diesmal, wie bei Schubert und Wilhelm Müller, uns gleich «in die tiefsten Felsengründe» zu verlocken.
Peter Laki
2 Jean-Jacques Dünki: «Zur 1. Sonate für Klavier von János Tamás». Der Komponist János Tamás (1936–1995): Beiträge zu Leben und Werk. Hrsg. Michael Schneider, Tomas Dratva und Judith Niederberger. Bern: Müller & Schade AG, 2017, S. 57–62 (hier 60.).
János Tamás am Klavier, 1955 · Fotograf unbekannt · Familienbesitz
Titelliste
I. Sonate für Klavier
II. Sonate für Klavier
Sonatine
Rhapsodie für Klavier (Lotte Gautschi gewidmet)
Eisblumen – 14 Miniaturen für Klavier
III. Sonate für Klavier
Ballade
Lichtspiel
Total 79:21
Aufnahme
Live-Mitschnitt des Konzerts der Albrechtina-Gesellschaft «(Un)bekannte Musik» vom 22. Juni 2025 im Konzertsaal Dvorana VŠMU in Bratislava.
Musikalischer Leiter: Jozef Kovalčík · Toningenieur: Viliam Chovanec
Aufgenommen auf Steinway & Sons D274, Opus 593158
Die Produktion dieser Aufnahme wurde von der János Tamás Gesellschaft (www.janostamas.ch) initiiert und finanziell unterstützt.